Interview zum LBK Hamburg

Aus PrivatisierungsWiki

Wechseln zu: Navigation, Suche

Dies ist eine Wiki-Seite. Ein Wiki ist eine Art offenes Buch. Alle, die es möchten, können die Texte auf dieser Seite innerhalb von Minuten ergänzen, ändern und löschen. Siehe dazu Hilfe und Arbeitsweise.

Inhalt

Inhalt
Nachrichten
Bundesrepublik
Bundesländer
Städte, Kommunen
Klinikunternehmen/Heimbetreiber
Zusammenschlüsse
Weitere Organisationen
Dokumente
Themen

Interview mit einer Krankenschwester beim LBK

Per E-Mail 21.06.2004

Mit seinen rund 12.600 Beschäftigten gehört der LBK nicht nur zu den größten Unternehmen in Hamburg, sondern auch zu den größten Gesundheitsunternehmen €pas. Ist davon im Arbeitsalltag etwas zu merken?

So gross kommt es mir nicht vor - ausser wenn die Logistik mal wieder sehr schleppend ist. Andererseits sind fast alle Bereiche der gesundheitlichen Versorgung abgedeckt. Nur an wenigen Punkten muss auf die Uniklinik zurückgegeriffen werden.

Ende letzten Jahres hattest du mir erzählt, dass der LBK verkauft ist. Das klang ziemlich definitiv. Noch im September 2003 dementierte Hamburgs Finanzsenator Wolfgang Peiner (CDU) Berichte des NDR, dass die Privatisierung auf's nächste Jahr verschoben werden soll (Pressemeldung der Finanzbehörde 15.9.03). Im Dezember meldeten dann die Zeitungen, der Senat habe den Verkauf gestoppt (z.B. Mopo 17.12.03).

Heute, im Juni 2004, hat die Hamburger Regierung sich noch immer nicht klar dazu geäußert, wann und wie und an wen ein Verkauf stattfinden soll. Wurden du und deine KollegInnen damals offiziell über den Verkauf informiert? Wie lief das ab?

Es gab Einladungen zu Treffen von Ver.di, vom Betriebsrat. Wir haben untereinander darüber geredet und selbst natürlich Zeitung gelesen. Es gibt auch hin und wieder grosse Treffen (öffentlich) mit der Führungsebene, Politikern usw. Aber da alles unklar war und bleibt, hatten alle immer das Gefühl, nicht wirklich informiert zu sein, und dass Informationen einem ja nichts nützen, „weil sowieso nichts zu machen ist“. Ausserdem wurde die Stationsleitungsebene auch informiert, die das an uns weitergegeben hat.

Wurden Euch Versprechungen gemacht? Wenn ja: Welche? Und: Gibt es irgendwelche Sicherheiten, dass diese Versprechungen auch eingehalten werden?

Tja, am Anfang wurde gesagt, dass sich die Konditionen nicht ändern würden, jedenfalls nicht die nächsten Jahre. Erfahrungen mit anderen privatisierten KH legen nahe, dass es nach den ersten beiden Jahren steil bergab geht mit Einkommen, Sozialleistungen usw. Das kann man auch an den Verträgen der Stationsfrauen sehen, die schon privatisiert arbeiten. Neu Eingestellte z.B. haben erheblich schlechtere Konditionen.

Bereits im Koalitionsvertrag der CDU, Schill-Partei und FDP vom Oktober 2001 ist von einer “Privatisierung oder Teilprivatisierung” des LBK die Rede. Wann und wie haben du und deine KollegInnen zum ersten Mal von den Privatisierungsplänen erfahren? Gab es Gerüchte, Bekanntmachungen des Managements und/oder Mitteilungen des Betriebsrats zu dieser Frage?

Kann ich mich nicht erinnern. Erst als es in den Medien diskutiert wurde. Dass Privatisierung generell ein Thema ist, war klar, da es Erfahrungen in anderen Bereichen (Reinigungskräfte, Küche) und auch anderen KHs gab.

Wie wirkt sich dieses Privatisierungs-Hin-und-Her auf dich und deine KollegInnen aus? Haben sich das Arbeiten und die Stimmung dadurch verändert?

Ja, denn es ist absolut unklar, ob und wie welche Stationen oder ganze Bereiche bleiben werden, ob KH zusammengefasst werden usw. und natürlich auch, unter welchen Bedingungen wir demnächst arbeiten müssen. Es werden auch jetzt adhoc Stationen geschlossen und Personal umgesetzt. Aber allgemein wird abgewartet, bis endlich entschieden wird.

Wie würdest du die Meinungen deiner KollegInnen und der ÄrztInnen zu Privatisierungen grundsätzlich und zu dieser im Besondereren einschätzen? Sind sie eher für oder gegen Privatisierungen oder für Kompromissformen aus privater und öffentlicher Trägerschaft? Welche Argumente dafür und dagegen werden am häufigsten genannt?

Oft wird gesagt: „Der LBK ist pleite, also muss etwas geschehen, so geht es nicht mehr weiter. Privatisierung ist freie Wirtschaft und die funktioniert wenigstens. Wir werden uns also daran gewöhnen müssen, mehr zu arbeiten.“ Aber natürlich machen sich die Leute aus der Pflege auch Sorgen um ihren Lohn usw. Grundsätzlich gegen Privatisierung sind nur wenige. Schon jetzt arbeiten Ärzte auf der Station, die nicht mehr vom LBK bezahlt werden, sondern aus anderen Töpfen, die aus der Pharmaindustrie und Forschungsgeldern usw. bestückt werden. Die sind also schon gewohnt, “frei” zu arbeiten. Wie deren Verträge aussehen, weiss ich aber nicht.

Was hältst du selbst von den Privatisierungsabsichten und den Für-und-Wider-Argumenten?

Da ich denke, dass der Kapitalismus an sich abgeschafft gehört, bin ich natürlich gegen alles, was ihn noch weiter fortschreiten lässt. Eine Gesellschaft, die sich nicht mehr um ihre Kranken kümmern will, weil sie zu teuer sind, ist einfach grauenhaft.

Nicht nur private, auch öffentliche Träger können bzw. müssen Krankenhäuser nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten führen. Gab es in den letzten Jahren unabhängig von den Privatisierungsplänen Entwicklungen in Richtung einer zunehmenden Kommerzialisierung, die sich auf deine Arbeit und die Versorgung der PatientInnen ausgewirkt haben?

Ja klar! Aus PatientInnen wurden KundInnen. Der Dienstleistungs- und Konkurrenzcharakter zu anderen KHs wurde betont. Es wurde gespart und gekürzt. Man hat uns ständig mit Schließungen von Stationen, Abteilungen, KHs usw. gedroht.

Wie würdest du angesichts dessen den Unterschied zwischen privater und öffentlicher Trägerschaft einschätzen?

Ich glaube, dass das Gefühl verloren geht, dass Kranke grundsätzlich ein Recht auf bestimmte Massnahmen haben - egal wie teuer sie sind. Es geht durch Privatisierung das Gefühl verloren, dass alle krank werden können und darum auch alle für alle aufkommen müssen. Es werden nicht nur Krankenhäuser, sondern Krankheit und Gesundheit privatisiert, indem die Leute selbst finanziell oder in Bezug auf die eigene Gesundheit verantwortlich sein und sich privat versorgen sollen. Je überlasteter ÄrztInnen und Pflege sind, deto mehr wird auch gedacht: „Die sind doch selbst schuld, wenn sie weiter rauchen“ usw. Enge Budgets führen zur Abwertung der Kranken und weniger dazu, mehr an Geld zu fordern, weil eine Unterversorgung menschenunwürdig ist.

Bekommen eigentlich die PatientInnen etwas von dem Ganzen mit? Gibt es Gespräche mit ihnen darüber? Äußern sie sich dazu?

Die meisten, die jetzt da sind, merken die Kürzungen jetzt schon am eigenen Leib, und eigentlich ist klar, dass es noch schlimmer werden wird.

Wenn das Krankenhaus, in dem du arbeitest, mehrheitlich an ein Privatunternehmen verkauft würde: Wie stellst du dir dann das Arbeiten vor? Würde sich dadurch etwas an deiner Arbeitseinstellung und deiner Lebensperspektive ändern?

Ich würde den Betrieb und die Chefs hassen und mich komplett ausgebeutet fühlen - fühle ich mich jetzt auch, aber mehr von der gesamten „Gesellschaft“ und nicht so persönlich.

Ver.di hat die Kampagne „Gesundheit ist keine Ware“ organisiert. Durch die daraus resultierende Volksabstimmung im Februar 2004 konnte der Verkauf des LBK an Asklepios vorerst gestoppt werden. Ver.di lehnt eine Teilprivatisierung des LBK nicht ab. Auch hat Ver.di in den letzten Jahren den Abbau hunderter von Stellen im LBK abgesegnet. Dass Ver.di den Kampf gegen die Privatisierung auf der Ebene der “Bürgerbeteiligung” führt, bedeutet auf der anderen Seite eine Ruhigstellung der klassisch gewerkschaftlichen Ebene. Es wäre ja z.B. denkbar, der Privatisierung durch einen Warnstreik zu begegnen. Oder wäre das deiner Meinung nach unrealistisch?

Ver.di hat so eine reformistische Haltung, das ist schrecklich! Sie setzten die ganzen Kürzungen mit durch, indem sie immer behaupten, dass es ja alles noch hätte schlimmer werden können. Wir bräuchten neue, andere Gewerkschaften wie z.B. in Italien die COBAS, Commitati di Base.

Was hältst du von “deiner” Gewerkschaft? Wie würdest du dir eine gute Gewerkschaftspolitik wünschen?

Radikal, offensiv, ganz anders. Mit Ver.di ist das hoffnungslos.


Siehe auch

Persönliche Werkzeuge