Interview zu Ameos
Aus PrivatisierungsWiki
24.9.06
In der Ameos-Mitarbeiterzeitung MAZ Nr. 01 vom August 2006 findet sich ein Interview mit Axel Paeger, Aufsichtsratsmitglied der Ameos AG und Vorstand der Ameos Holding AG. Das brachte uns auf die Idee, auch mal ein Interview zu machen ...
Frau oder Herr X, Sie sind MitarbeiterIn in einer Ameos-Einrichtung irgendwo im Bundesgebiet. Weshalb dürfen wir Ihren Namen nicht nennen? Leben wir nicht in einer Demokratie?
Die Demokratie hat Grenzen, nämlich dort, wo rigoros das Kapital regiert. Bei Ameos scheint es nicht anders zu sein. Wenn ich meinen Namen nenne, muss ich um meinen Arbeitsplatz fürchten.
Seit einiger Zeit leitet ein Mann namens Axel Paeger die Geschicke der Klinik, in der Sie arbeiten. Was finden Sie daran reizvoll?
Ich kenne ihn zwar nicht persönlich, aber auf ungesundleben.org ist ja eine ganze Menge gesammelt worden. Außerdem haben andere Kollegen auch Artikel über ihn gelesen. Danach hat er wohl viel Erfahrung im Management, aber (zu) wenig Geschick im Umgang mit seinen Mitarbeitern.
Haben Sie als MitarbeiterIn der Klinik ebenfalls Gelegenheit, die Geschicke der Klinik mitzuleiten? Was würden Sie tun, wenn Sie das könnten?
Ich kann ja noch nicht einmal gefahrlos dieses Interview geben. Deswegen muss ich auch anonym bleiben. Wenn ich etwas entscheiden dürfte, dann wäre es die Besinnung auf diejenigen, die den Gewinn erarbeiten, nämlich die Mitarbeiter. Und falls Herr Paeger dies hier auch liest: Dazu gehört auch eine anständige Bezahlung und keine Personalausdünnung um jeden Preis.
Wie stellen Sie sich eine ideale Klinik vor?
In einer idealen Klinik ist der Patient „Mittelpunkt" und nicht „Mittel Punkt"! Um dies bewerkstelligen zu können, sind einfach genügend Mitarbeiter notwendig, sonst fehlt die Zeit für eine gute Betreuung. Und außerdem müssen die Mitarbeiter sich mit ihrer Arbeit und ihrem Betrieb identifizieren.
Axel Paeger bezeichnet in o.g. Interview die Psychiatrie als den umsatzstärksten Unternehmensbereich bei Ameos. Was merken KollegInnen, die in der Psychiatrie arbeiten, davon?
Sie bzw. wir leiden einerseits kollektiv an der Arbeitsüberlastung und andererseits an dem zunehmenden Zeitmangel und der damit zu kurz kommenden individuellen Pflege und Betreuung der Patienten. Dabei war dies doch ursprünglich unser Anspruch.
Würden Sie sich die Psychiatrie als Vorbild für den somatischen Bereich wünschen?
Bis auf weiteres ja. Denn in der Somatik ist die Situation noch schlimmer als in der Psychiatrie und das wird durch die neuen Abrechnungen weiter gefördert.
Auf der Internetsite www.ungesundleben.org stehen auch über Ameos Aussagen recht unterschiedlicher Qualität. Axel Paeger hat auf dieser Site wie alle anderen Menschen die Möglichkeit, so viele Zeilen unterzubringen, wie er möchte. Weshalb tut er das Ihrer Meinung nach nicht?
Die Seite ist bei den Mitarbeitern sehr populär. Ich weiß das auch von anderen Ameoskliniken und auch von anderen privaten Krankenhäusern. Bei uns schlug diese Seite förmlich wie eine Bombe ein. Deshalb bin ich mir auch sicher, dass Herr Paeger regelmäßig mitliest und vermutlich auch Beiträge schreibt, aber eben nicht unter seinem Namen. Sonst würde er die Seite noch populärer machen und ihr auch noch einen offiziellen Anstrich geben. So aber kann er alles als inoffiziell bezeichnen und die Beiträge als Gerüchte abwerten.
Mit der Zahl 20% Rendite hat Axel Paeger laut o.g. Interview für viel Aufregung gesorgt. Axel Paeger sagt, die Zahl sei „Unfug“, weil sie Mittel für Investitionen mit umfasse. Nehmen wir an, der ausgeschüttete Gewinn betrage nur 5% vom Umsatz. Regt es Sie auf, wenn Mittel der Gesundheitsversorgung in private Taschen umverteilt werden und dabei die Gewinne so hoch gehalten werden müssen, dass InvestorInnen nicht beispielsweise in die Tabakindustrie abwandern?
Das System gründet sich eben auf Renditen, alles andere ist unrealistisch. Wenn die Balance stimmen würde, hätten ja auch viele Mitarbeiter dafür Verständnis. Aber bei neuen Verträgen den Lohn um rund 30% gegenüber dem BAT abzusenken und kein Weihnachts- und Urlaubsgeld mehr zu bezahlen, Verträge nicht zu verlängern und nur in tollen Broschüren auf die hohe Motivation und die Leistungsbereitschaft hinzuweisen, verträgt sich nicht mit dieser gnadenlos verfolgten Renditevorstellung.
Das Gesundheitswesen ist im Umbruch: Reformen, Defizite auf allen Seiten usw. Axel Paeger behauptet, Ameos sei es gelungen, bestehende Arbeitsplätze zu sichern. Fühlen Sie sich sicher?
Nein! Ich fühle mich so unsicher wie niemals zuvor in meinem Leben. Und ich bin absolut kein Einzelfall.
Axel Paeger behauptet außerdem, man habe „gegen den Trend an vielen Stellen Zusatzerlöse erzielt“. Wie konnte das gelingen?
Zusatzerlöse? Das hieße ja, neue Märkte zu erschließen oder andere Geldquellen aufzutreiben. Damit hat er Recht: Sein hauptsächliches Mittel für "Zusatzerlöse" ist die extreme Personalschrumpfung oder die Weiterbeschäftigung zu deutlich verschlechterten Konditionen.
Wünschen Sie Ihren KollegInnen in öffentlichen oder gemeinnützig betriebenen Kliniken, an Ameos übergeben zu werden?
Nein, niemals! Die Politik wird bald merken, dass das Zauberwort "Privatisierung" sehr teuer wird. Für die Kollegen ist es dann aber oft schon zu spät. Sie werden zu den teuren Faktoren gehören, wenn sie öffentliche Gelder für ihren Lebensunterhalt brauchen.
Im Interview wird Axel Paeger gefragt: „Wie wichtig ist Ihnen der Austausch zwischen den Mitarbietern, aber auch der Austausch zwischen den Einrichtungen?“ Paeger antwortet nur auf den letzten Teil der Frage, der den Austausch zwischen den Einrichtungen betrifft. Wie steht es um den Austausch zwischen den Mitarbeitern? Glauben Sie, dass durch einen besseren Austausch etwas erreicht werden könnte?
Ja! Und deswegen möchte Herr Paeger auch die Kontrolle und die Macht behalten. Wir dürfen ja nicht einmal mehr untereinander über unsere eigene Vergütung sprechen. Das ist ausdrücklich verboten.
Würden Sie Herrn Paeger gern (öfters) vor Ort an Ihrem Arbeitsplatz antreffen?
Ja und nein: Oft glauben wir, dass Herr Paeger sich nicht vorstellen kann, was es heißt tagtäglich die Patienten zu versorgen und dabei immer mit dem Gefühl nach Hause zu gehen, die Arbeit nicht wirklich geschafft zu haben. Er sollte unsere Tätigkeiten selbst einmal hautnah spüren, das wäre unser bestes Argument für Verbesserungen der Arbeitsbedingungen. Andererseits sind viele von uns leider schon resigniert und froh, wenn sie nicht so viel von Herr Paeger mitkriegen.
Axel Paeger sagt: „wir dürfen nicht Gefahr laufen, Ameos wie ein Ein-Mann-Unternehmen zu führen. Deshalb sind für den Austausch vor Ort die anderen Bereichsleiter eher noch wichtiger als ich.“ Läuft Ameos Gefahr, wie ein Ein-Mann-Unternehmen geführt zu werden?
Nein, Ameos läuft nicht in diese Gefahr. Sie besteht längst. Gerade deshalb gibt es auch viele, viele Strömungen gegen Herrn Paeger. Seine markigen Interviews werden ihm da nicht weiterhelfen.

