AK St. Georg (LBK Hamburg)
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Der LBK-Verkauf und das AK St. Georg
Per E-Mail 01.09.2004 / 22.09.2004
Im Juli/August 2004 fanden im LBK-Krankenhaus St. Georg drei Versammlungen statt, die jeweils von ver.di, der Geschäftsleitung und - nur für die Hämatologie - vom Chefarzt der Hämatologie organisiert wurden.
Ver.di kündigte eine Klage vor dem Hamburger Verfassungsgericht an.
Die Geschäftsleitung präsentierte ihre Geschäftszahlen und beklagte, von allen LBK-Krankenhäusern stünde das AK St. Georg finanziell am schlechtesten da. Im Vergleich zu den Patientenzahlen habe es in der ersten Jahreshälfte 2004 einen Überhang an Personal gegeben, der im nächsten halben Jahr verringert werden müsse.
Weshalb noch die Mühe, mag man fragen, wenn das Krankenhaus eh bald verkauft wird?
Doch tobt seit einer Weile schon ein Wettkampf zwischen den LBK-Häusern, bei dem es darum geht, wer wirtschaftlich die besten Zahlen schreibt.
Im AK St. Georg äußerte sich der Wettbewerb u.a. in der Anweisung, PrivatpatientInnen zukünftig Badelaken zur Verfügung zu stellen. Bis dahin erhielten alle PatientInnen gleichermaßen kleine Handtücher. Vielleicht um die Mehrausgaben wieder reinzuholen, wurden im Juli 2004 die MitarbeiterInnen von den Pflegedienstleitungen zur Ordnung gerufen, was den unerlaubten Konsum von krankenhauseigenem Mineralwasser anbelangt. Dies sei strengstens verboten und stelle Diebstahl und einen Kündigungsgrund dar, erklärte man.
Dass die Nachtschicht auf manchen Stationen, auf denen es wegen der Schwere der Erkrankungen häufiger zu Todes- und Notfällen kommt, auch heute noch offiziell mit zwei anstatt mit nur einer Schwester besetzt sind, verdanken die PatientInnen einigen mutigen Schwestern, die mit Arbeitsverweigerung drohten, sollte man sie nachts alleine arbeiten lassen. Nachts allein auf Station zu sein, bedeutet Angst und Überforderung, wenn jemand intensiverer Pflege bedarf. Plötzlich muss sich eine Schwester z.B. entscheiden, ob sie Wadenwickel oder aus Zeitmangel fibersenkende Mittel verabreicht. Zusätzliche Arbeit macht den Schwestern die große Anzahl fremdfinanzierter ÄrztInnen, die sich auf manchen Stationen tummeln. Gefördert von der Pharmaindustrie und aus öffentlichen Töpfen führen diese ÄrztInnen Studien an den PatientInnen durch, in deren Rahmen zusätzlicher Papierkram erledigt werden muss, die PCs blockiert werden, unbekannte Medikamente gegeben und zusätzliche Telefonate bearbeitet werden müssen, ohne dass entsprechend mehr Pflegepersonal eingestellt würde.
Doch die Geschäftsleitung des AK St. Georg ist nicht “böser” als die anderer Krankenhäuser auch. Sie folgt “Sachzwängen”, Zwängen also, die anscheinend von niemandem produzierte Sachen über hilflose Menschen ausüben. Einer dieser “Sachen” - 1993 vom Himmel gefallen - ist der Budgetdeckel. Für jedes Jahr handeln Krankenkassen und Krankenhäuser die Anzahl der einem Krankenhaus durch die Krankenkassen zu erstattenden Belegungs- und Fallpauschalen neu aus. Dabei wird beispielsweise vereinbart, dass ein Krankenhaus 100 Herz-OPs erstattet bekommt. Stellt sich im Laufe des Jahres heraus, dass ein Krankenhaus mehr Herz-OPs durchführt, so gab es bis zum Erscheinen des Budgetdeckels Nachverhandlungen, um die tatsächlichen Kosten zu decken. Der Budgetdeckel zwang Krankenhausleitungen zu einer verstärkten ökonomischen Kontrolle, deren Kriterien unabhängig vom Bedarf der PatientInnen und dem der MitarbeiterInnen funktionieren. Durch diese und anderere “Sachen” wurde seit Beginn der 90er Jahre die Organisation öffentlicher Krankenhäuser denen gewinnorientiert geführter Krankenhäuser angenähert - mit der Konsequenz, dass heute viele Beteiligte private Träger als für die organisatorischen Aufgaben geeigneter wahrnehmen als öffentliche. Wer für welche Aufgaben besser geeignet ist, hängt indessen auch davon ab, wie die Aufgaben politisch und sozial (von himmlischen Dämonenscharen?) definiert werden.
Aktuell wird der LBK von den Hamburger Krankenkassen-Verbänden wegen angeblich zu hoher Klinik-Budgets unter Druck gesetzt. Gefordert wurde der Abbau von LBK-Betten und die Schließung des AK Wandsbek. Unklar scheint zudem, was nach einer Übernahme des LBK durch Asklepios für die höheren Verwaltungsposten geplant ist. (Weiß jemand etwas darüber? Im Internet konnte ich nichts finden.)
Der Geschäftsleitung des AK St. Georg im Besonderen besondere Sorgen bereitet nach deren Aussagen die Hämatologie unter dem seit 2001 dort agierenden Chefarzt. Während dessen “Amtszeit” kamen der Hämatologie einige Betten abhanden - aus Kostengründen, wie die Geschäftsleitung behauptet, aufgrund falscher Zahlen, wie der Chefarzt behauptet. Seit längerer Zeit schon liegt er im Streit mit der Geschäftsleitung, die ihm vorwirft, Schulden gemacht zu haben. Der Chefarzt dagegen behauptet, bei angemessener Unterstützung durch die Geschäftsleitung hätte er für das Krankenhaus viel Geld verdient.
Entscheidend für die wirtschaftliche Situation eines Krankenhauses, wird argumentiert, sei ein effektiver “Case Mix”. Ein “Case Mix” ist dann effektiv, wenn PatientInnen, die viel Geld bringen, mit solchen, die wenig Geld bringen, oder für das Krankenhaus gar ein Verlustgeschäft bedeuten, günstig “gemischt” werden. Ob einE PatientIn für ein Krankenhaus Geld bringt, hängt wesentlich von den Pauschalen ab, die Krankenkassen für seinen bzw. ihren “Fall” zahlen. So kommen zum Beispiel “multimorbide” Alte im Unterschied zu anderen “Fällen” einem Krankenhaus i.A. teuer zu stehen, da ihre Behandlung häufig durch die Fallpauschalen nicht ausreichend abgedeckt ist.
Nun wäre es naheliegend für ein Krankenhaus, zwecks wirtschaftlicher Sanierung nur noch lukrative PatientInnen anzunehmen. Doch häufig ist der ganaue “Fall”, dem eine PatientIn zuzuordnen ist, erst nach der Einlieferung bestimmbar. Auch würden überweisende ÄrztInnen (bislang) eine Patientenselektion nicht mitmachen. Lehnt ein Krankenhaus öfters PatientInnen ab, so vermittelt der Arzt bzw. die Ärztin die PatientInnen eben eher an Kliniken, das sich bereitwilliger zeigen. Damit könnten einem Krankenhaus, das Patientenselektion betreibt, auch lukrativere PatientInnen verloren gehen - jedenfalls, solange nicht sämtliche Krankenhäuser einer Region zu einem starken Verbund mit Synergieeffekten unter erfahrenen Regionalgeschäftsführern koordiniert werden.
Quellen
- aufgrund der hohen Entwicklungsstufe unserer Demokratie undercover agierende InformationspiratInnen am AK St. Georg
- Der Chef und sein Team (Die Welt, 8. Mär 2003)
- Kostendruck im Krankenhaus 2000 (Jahrbuch für Kritische Medizin 33)
- Anpassungsprozesse der Krankenhäuser an die prospektive Finanzierung (Forschungsprojekt des Berliner Forschungsverbundes Public Health, 2001)
- Streit um LBK: Finanzprobleme im Sommerloch (taz 5.7.04)
- Krankenkassen laufen Sturm gegen LBK-Budget (Ärzte Zeitung 30.8.04)
- Krankenkassen wollen Öffentlichkeit täuschen (Pressemitteilung des LBK, 26.8.04)

